Das Ende der Leipziger Journalistik

Im April 2017 wurde an der Universität Leipzig die Journalistenausbildung eingestellt – verbunden mit der Einrichtung einer „Reformkommission“, die eine Neuausrichtung des Studiengangs erarbeiten sollte. Inzwischen hat die Kommission zwei Mal getagt. Marcel Machill, nach den Kürzungen der vergangenen Jahre einzig verbliebener Journalistik-Professor am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Uni Leipzig, zieht Bilanz.

Aus meiner Sicht ist die umfassende Journalistenausbildung an der Universität Leipzig endgültig zerstört worden. Das Ergebnis der sogenannten Reformkommission ist ein hoch spezialisierter Masterstudiengang „Datenjournalismus“. Die Fakultät wird dies nach außen weiterhin als „Journalistik“ zu verkaufen suchen und das Rektorat wird dem willfährig beipflichten, um in der Öffentlichkeit nicht als Totengräber der Leipziger Journalistenausbildung dazustehen. Fakt ist jedoch: Der neue Studiengang soll drei Säulen haben – und dabei sind die originären Journalistikinhalte nur eine Säule. Die zweite Säule besteht aus Informatik-Lehrveranstaltungen. Und die dritte Säule besteht aus Statistik, empirischer Sozialforschung und Soziologie. Aus meiner Sicht ein Sammelsurium von Inhalten, das den Studierenden letztlich nichts Halbes und nichts Ganzes bieten wird.

Leider werden auf diese Art und Weise in Deutschland oft neue Studiengänge konzipiert: nicht an den Bedürfnissen von Studierenden ausgerichtet, sondern in erster Linie an den Forschungsinteressen der beteiligten Professoren. So soll es auch bei dem neuen Leipziger Studiengang mit Projekten zur Journalismusforschung regelrechte Spielwiesen geben, die sich mit doppelter Lehrkapazität anrechnen lassen. Dass dabei gute Forschung – auch für die eigene akademische Karriere – herauskommt, ist nicht unwahrscheinlich. Dass dies der Ausbildung von Journalisten dient, hingegen schon.

Dabei ist die Idee, das Thema „Datenjournalismus“ in die Journalistenausbildung zu integrieren und dafür eine Spezialisierung anzubieten, nicht falsch. Es ist dies auch aus meiner Sicht ein relevantes und zukunftsträchtiges Fachgebiet für die universitäre Journalistik. Bloß kann man nicht einen solchen Masterstudiengang als Solitär hinstellen und das eigene Fundament zerstören. Wenn man diese Reform ganzheitlich angehen wollte, müsste man im Bachelor-Bereich eine grundständige Journalistik ermöglichen – und anschließend die Spezialisierung im MA. Diese von mir eingebrachte Empfehlung hat in der „Reformkommission“ keine Zustimmung erfahren. Bei der jetzt geplanten Leipziger Studiengangsstruktur ist es hingegen so, dass die journalistische Grundausbildung schlicht und einfach vorausgesetzt wird. Man muss bereits über erhebliche journalistische Erfahrung verfügen, um sich überhaupt bewerben zu können.

Auch bei den Formalia wird nicht ehrlich gespielt. Der neue Master „Datenjournalismus“ (oder welches Etikett man auch immer darauf kleben mag) soll drei Jahre lang dauern. Normalerweise darf ein Masterstudiengang nur auf zwei Jahre angelegt sein. Der bisherige MA Journalistik mit seiner Vollausbildung hatte vom Ministerium eine Ausnahmegenehmigung für eine dreijährige Konzeption, da er bewusst nicht-konsekutiv angelegt war. Das bedeutet: Die Studierenden hatten vorher etwas „anderes“ studiert (z.B. Politik, Jura, Sprechen, Kultur) und konnten dann auf diese Fachkompetenz mit dem dreijährigen Journalistik-Master die kommunikative Kompetenz draufsatteln. Jetzt aber soll der neue Studiengang konsekutiv sein, also auf kommunikations- und medienwissenschaftliche Studiengänge aufbauen. Die Aufblähung auf drei Jahre will man trotzdem beibehalten. Der Grund dafür: So kann man die komplette Umgestaltung als „Reform“ verkaufen – und nicht als das, was es tatsächlich ist: ein komplett neuer Studiengang. Die Erbsenzähler, die sonst peinlichst genau darauf achten, dass jedes noch so absurde Detail aus handbuchdicken Richtlinien zur „Qualitätssicherung“ beachtet wird, schauen in diesem Falle einfach weg. Meine Empfehlung in der „Reformkommission“ war: Beschränkt den neuen MA-Studiengang auf zwei Jahre und nutzt die damit frei werdenden Kapazitäten, um im Bachelorbereich eine gute Vorbereitung zu lehren. Auch diese Empfehlung wurde nicht weiter verfolgt, da man andernfalls das im Hintergrund schon vorbereitete Konzept nicht weiter mit heißer Nadel hätte fertig stricken können.

Das SPD-geführte Wissenschaftsministerium wird bei dieser Vorgehensweise betuppt – und zur Leipziger Journalistenausbildung sagt man dort nur achselzuckend: „Die Politik kann nur Anreize geben; die Uni muss das autonom entscheiden.“ Politischer Gestaltungswille sieht anders aus. Waren es in den 70er und 80er Jahren nicht mal Sozialdemokraten, die in Deutschland die Etablierung der Journalistik an den Universitäten besonders gefördert haben? Das ist vorbei. Wenn man die grundständige Journalistik jedoch an die Fachhochschulen abdrängt, wo traditionell die Ausbildung stärker betont wird als die umfassende Bildung, und an der Universität nur noch Mittel für hoch spezialisierte Angebote („Datenjournalismus“) vorhanden sind, muss man sich nicht wundern, wenn der Journalismus insgesamt in die Krise gerät – und dies partei- und gesellschaftspolitische Entwicklungen fördert, die eine SPD kaum gutheißen kann. Aber auch diese Warnung an das Ministerium („steckt nicht das ganze Geld in die PR-Ausbildung und die Elfenbeinturm-Bewohner der Medienwissenschaft“) wurde nicht gehört.

Welche Fehler habe ich mir bei dieser Entwicklung selbst zuzuschreiben? Ich habe zu lange dafür gekämpft, dass die Leipziger Journalistik in allen Mediengattungen (Print, Online, Radio und Fernsehen) vertreten sein sollte. Dabei sind über die Jahre bei allen Beteiligten (Mitarbeiter, Studierende und bei mir selbst) Abnutzungserscheinungen aufgetreten, die die Stimmung nicht besser gemacht haben und die nicht hätten sein müssen. So hätte ich zum Beispiel früher die Fernsehausbildung aufgeben und stärker auf eine crossmediale Fokussierung setzen müssen. Ich habe viele Jahre lang darauf gesetzt, dass eine umfassende Journalistenausbildung an der Uni Leipzig im Interesse aller Beteiligten sein sollte: Uni-Leitung, Fakultät und Professoren am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft. Viel zu spät habe ich erkannt, dass all diesen Leuten eine umfassende Journalistik völlig egal ist und sogar ein Dorn im Auge, weil Journalistik eben mehr Personalkapazitäten verschlingt als Seminare zur Medientheorie. Spätestens vor sechs Jahren, als die damals frei werdende Journalistik-Professur von Michael Haller nicht neu ausgeschrieben wurde, hätte ich dies erkennen sollen. Auch damals nutzte ein Dekan, der ganz zufällig Professor für Public Relations war, seine Machtposition, um sich von der Journalistik eine Scheibe abzuschneiden. Damit lag und liegt Leipzig also im Trend: mehr Geld für die interessengeleitete Kommunikation (wo man auch viel leichter die so prestigeträchtigen Drittmittel und Stiftungsprofessuren einwerben kann) und weniger für die unabhängig-kritische Journalistik, deren Aufgabe es u.a. ist, genau diese interessengeleitete („strategische“) Kommunikation aufzudecken.

Was bleibt also? Die Journalistik zerstört bzw. auf einen hoch spezialisierten Informatik-Soziologie-Statistik-Journalistik-Master zusammengeschrumpft. Die Abteilung für PR-Ausbildung und Strategische Kommunikation frohlockt, weil stärker denn je. Und die Kommunikations- und Medienwissenschaftler? Winken ab und widmen sich ihrer Forschung, die von Journalisten und Medienschaffenden so dermaßen ignoriert werden, dass sich andere Wissenschaftsfelder wie Jura, Medizin, Wirtschafts- oder Sprachwissenschaften schon längst Fragen nach ihrer Daseinsberechtigung hätten gefallen lassen müssen. Aber solange jedes Jahr viele Studienanfänger – oftmals recht blauäugig – den Medienwissenschaftlern und damit den Universitäten die Bude einrennen, kann man sich dort weiter der semiotisch angehauchten Filmtheorie oder der Humorkonzeption im 19. Jahrhundert widmen. Und was wollen die mit diesen Inhalten beglückten Studenten dann zu einem Großteil mal werden? Na klar, Journalisten…